Social Learning in der Praxis (IIa): Methodischer Rahmen

Der Lernansatz Social Learning verspricht für die am Lernprozess teilnehmenden Personen ein vernetztes, effizientes und nachhaltiges Lernen. Die Aufgabe, aus einem überbordend offenen Lernansatz, der im Netz überwiegend spontan und Lerner-gesteuert entsteht und wieder beendet wird, ein zielorientiertes Qualifizierungsprojekt zu machen, stellt Personalabteilungen und Weiterbildungsunternehmen vor einige Herausforderungen, denen ich mich in diesem Teil der Artikelserie zum Thema Social Learning widmen möchte. 

Businessman holding icon of social network

Aus didaktischer Perspektive beschreibt ‚Social Learning‘ einen Gruppenlernprozess, der ausschließlich durch die neuen Medien des Web 2.0 getragen wird. Da diese Lernprozesse in vollem Maße vom Lerner ausgehen, sind sie intrinsisch und/oder intern motiviert und daher besonders effizient und nachhaltig. Dabei zeichnet Social Learning vor allem die soziale und kollaborative Komponente aus. Die Lerner lernen zusammen in gegenseitigem Dialog und mit gegenseitiger Referenz auf geteilte Ideen, Impulse und Meinungen. Daher profitiert jeder einzelne Lerner von den Wissens- und Könnens-Hintergründen seiner Lernkollegen. Durch diesen zentralen Aspekt unterscheidet sich Social Learning grundlegend von E-Learning oder Blended Learning.

Eine Integration dieses vielversprechenden Lernansatzes in Qualifizierungs- oder Weiterbildungsprojekte in einem Unternehmens-Kontext ist natürlich sehr verlockend. Sowohl die Umsetzung einzelner Qualifizierungsziele als auch die Erweiterung eines Konzeptes durch eine Social-Learning-Komponente kann die Effizienz und Nachhaltigkeit des Lern- und Entwicklungsprozesses unternehmerischer Qualifizierungsmaßnahmen verstärken.

Institutionalisierung eines radikal offenen Lernansatzes

Doch ist die „Institutionalisierung“ dieses methodisch gesehen radikal offenen und autonomen Lernens sehr anspruchsvoll. Dem offenen Social Learning muss zur Integration in einen unternehmerischen Qualifizierungskontext ein methodischer Rahmen gegeben werden. Dieser sichert die an den Lernzielen orientierte Kanalisierung des Social Learning Lernprozesses.

Die Konzeption eines solchen methodischen Rahmens ist natürlich je nach Komplexität des Lernziels, intendierter Teilnehmergruppe und thematischer Struktur ein Unterfangen, welches didaktisches und methodisches Expertenwissen benötigt. Zwar profitieren Lerner desto mehr, je größer deren Aktivierungsgrad im Lernprozess ist – also je offener die Lehr-/Lernmethode ist. Doch auch das Risiko für das Lernergebnis im Verhältnis zu den in der Planung gesteckten Lernzielen ist bei offenen Lernformaten größer. Deshalb darf hier bei der Konzeption und Umsetzung didaktisch und methodisch kein Fehler passieren.

Fazit

Die Integration von Social Learning benötigt ein im Vergleich zu anderen Lernansätzen hohes Maß an Planungsqualität und –Aufwand. Ist jedoch ein methodisch adäquater Rahmen gefunden, profitieren Lerner und Kunden durch das methodenbedingte vernetzte Lernen. Zumindest theoretisch sind Social Learning Projekte gewinnversprechend in Sachen Effizienz, Nachhaltigkeit und Lerner-Motivation. Doch man muss diese PS auch auf die Straße bringen. Konkrete Anwendungsbeispiele und Impulse gibt es im nächsten Teil der Artikelserie.

 

 

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Felix Senner

Autor:Felix Senner

ist Experte für die didaktische und methodische Entwicklung von Weiterbildungskonzepten. Er entwarf die Methode 'Prisma' welche aktuell im Finale um den deutschen Trainingspreis steht. Er ist in der Geschäftsleitung von Coaching Concepts tätig.

3 Responses to “Social Learning in der Praxis (IIa): Methodischer Rahmen”

  1. Max Weber
    18. September 2015 at 15:15 #

    Nachtrag:
    d) nicht zuletzt als Ergänzung zu ihrem „Die Konzeption eines solchen methodischen Rahmens ist natürlich je nach Komplexität des Lernziels, intendierter Teilnehmergruppe und thematischer Struktur ein Unterfangen, welches didaktisches und methodisches Expertenwissen benötigt“ ist es auch eine Frage der Ressourcen in der Vorbereitung.
    Oft stehen einem nur minimale Zeit- und Kostenressourcen in der Vorbereitung zur Verfügung und dann geht man halt rein, zeigt seine Power-Point Folien, macht ein bisschen Lehrgespräch und erzählt sich Dinge, die man eh schon weiß.
    Was wiederum Punkt a) verstärkt und natürlich keinen optimalen Lernerfolg verspricht.

  2. Max Weber
    18. September 2015 at 14:51 #

    Entsprechende „offene“ didaktische Settings gibt es schon sehr lange (bei der Erwachsenenbildung fällt mir spontan Subjektive Didaktik nach Kösel, Selbstgesteuertes Lernen /NIL bei Forneck oder in der Grundschuldidaktik Freiarbeit“, „Wochenplan“, „Stationenlernen“, „Projektwoche“ oder „Offener Unterricht“ ein).

    Aus meiner Erfahrung gibt es jedoch vier Faktoren die „offene“ Settings in der Praxis schwierig machen:

    a) Erwartungen und Erwartungserwartungen der Teilnehmer (wie hat Lernen/Lehren stattzufinden, wie muss/darf ein Setting aussehen, welche Rolle hat darin wer?!)

    b) die mangelnde Selbstlernkompetenz des Einzelnen (sich selbst motivieren, Ziele setzen, sich und den Verlauf reflektieren, sich Zeit und Energie einteilen, sich kontrollieren und coachen) und die unterschätzte Komponente des sozialen Lernens (lernen mit- und voneinander – im Guten wie im Schlechten). Hier scheitern mMn viele e-Learningangebote. Abhilfe könnte hier das „social“ in Social Leraning bieten, wenn das Setting entsprechend gestaltet wird.

    c) Die Motivationslage des Teilnehmers (intrinsisch, extrinsisch oder oft auch gar nicht).
    Häufig wird das „informelle Lernen“ ja als Musterbeispiel und Blaupause heran gezogen für „formale“ didaktische Angebote, jedoch ohne die Motivationslage des Einzelnen bzw. den Aspekt der Freiwilligkeit zu berücksichtigen.
    In diesem Punkt bleibt mir der obige Artikel auch etwas zu ungenau und vergisst dies bei dem Versuch der „Institutionalisierung eines radikal offenen Lernansatzes“ zu beleuchten.

    In bin sehr gespannt, was da noch kommt und freue mich auf weitere Artikel.

    FG
    MW

    c)

  3. Dan
    14. August 2014 at 14:10 #

    Die Frage, die hierbei leider noch offen bleibt, ist, wie man nun die Vorteile eines offenen didaktischen Lernrahmens bei gleichzeitig mäßiger Vorgabe eines gewissen „Lernpfads“ konkret nutzen kann, ohne dass eben diese wiederum durch allzu strenge und vorgeplante Regeln zunichte gemacht werden.
    Ich denke jedoch, dass eben durch die intrinsische Motivation, die ein Social-, Blended- oder auch E-Learner an den Tag legt (bzw legen muss, da sie die Voraussetzung für ein solches Lernunterfangen darstellt und als solche die stärkste Motivation für eben dieses darstellt), ein gewisses Maß an „Führung“ durchaus zumutbar ist und dem Lernwillen in keinster Weise schadet.

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