Social Learning – Revolution der Lernprozesse!? – Teil 1

Social Learning wird als der Megatrend in der Weiterbildung bezeichnet. Die Artikelserie „Social Learning – Revolution der Lernprozesse!?“ will dem Phänomen auf den Grund gehen. Dabei sollen die Fragen nach den zugrundeliegenden gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, die Social Learning nicht nur ermöglichen sondern geradezu einfordern (Teil I), der Funktion und möglichen Umsetzungen von Social Learning im Unternehmenskontext (Teil II) und dem derzeitigen Stand der Bildung im Anbetracht der Bildungstrends Social Learning und Gamification (Teil III) beantwortet werden. Teil IV nimmt als vorläufiger Abschluss der Reihe das brandneue und topaktuelle Thema Gamification in Weiterbildungsszenarien unter die Lupe.

Teil I | Die Voraussetzung für Social Learning:
Social Media und Globale Datenkommunikation – ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandelman presses interface

Dass der Siegeszug der sozialen Medien wie Facebook, Twitter, youtube unsere Gesellschaft – wie wir in ihr Leben, Lernen und Arbeiten – auf den Kopf gestellt hat ist mittlerweile ein alter Hut und in genügend einschlägigen Blogs und Artikeln geradezu rituell heraufbeschworen worden. Doch wohin die Reise gegangen ist oder gehen wird? – das weiß so genau keiner. Zu oft werden meines Erachtens die neuen Medien als Möglichkeiten oder Chancen wahrgenommen, Altes mit neuen Mitteln umzusetzen. Doch die Wahrheit geht sehr viel weiter. Die Social Media sind nämlich nicht nur eine technische Errungenschaft, die das Leben, Lernen und Arbeiten erleichtern, verändern oder erweitern, sondern sie haben diese Bereiche fundamental revolutioniert, da sich die Denk-, Lern- und Kommunikationsprozesse selbst grundlegend gewandelt haben – oder besser – eine Wandlung durchmachen. Teil I der Artikelreihe versucht nun eine Beschreibung der durch das Web 2.0 geschaffenen Voraussetzungen für diesen Wandel.[1]

Ansatz: Die Grundkonstanten der menschlichen Gesellschaft werden durch das Web 2.0 fundamental geändert. Nach Niklas Luhmann wird Gesellschaft definiert als die Summe der Interaktionen ihrer Mitglieder (Luhman 234). Durch das Web 2.0 haben sich diese Interaktionen jedoch differenziert und pluralisiert – numerisch und qualitativ! Daraus folgt, dass die moderne Gesellschaft eine radikale Veränderung in ihrer grundlegenden Funktionalität durchmacht.

Dahingehend wird konstatiert, dass die moderne Gesellschaft im Zeitalter des Web 2.0 zunehmend markiert wird von zwei zentralen Aspekten:

1. Vernetzung und Kommunikation

Die sozialen Medien bestehen abgesehen von der Technik de facto nur aus Kommunikation. Nutzer generieren Inhalte, verfassen Botschaften, und kommunizieren oder teilen diese mit anderen Nutzern. Der Grad der Reichweite ist dabei je nach Wahl des Mediums stark limitiert bis nahezu unbegrenzt. Gleichzeitig werden die Inhalte durch einen Flüchtigkeitsgrad markiert: Die Dauer der Aktualität ist mitunter stark begrenzt. Nur selten schaffen es Inhalte und Botschaften durch eine virale Verbreitung längerfristige oder gar permanente Aktualität zu erreichen.

Wichtig ist zu erkennen, dass selbst das Hochladen von Bildern auf Facebook, oder das Aktualisieren von Daten im Nutzerprofil kommunikative Handlungen sind. Darüber hinaus ist das Surfen in sozialen Medien ebenfalls Kommunikation. Botschaften und Inhalte werden rezipiert und gegebenenfalls wird durch eine wie auch immer geartete Interaktion reagiert. Der Mensch befindet sich also – immer gesetzt er nimmt am Zirkus der sozialen Medien teil – im konstanten Zustand der Kommunikation mit anderen. Darüber hinaus braucht man sich aber nicht täuschen man könne sich diesem globalen Prozess entziehen. Die Gesellschaft vernetzt ihre Mitglieder durch globale Netze und Datenströme zunehmend miteinander. Als eine der letzten Errungenschaften, hat das Smartphone dafür gesorgt, dass die Individuen noch konstanter, tiefgreifender und konsequenter mit anderen vernetzt sind, sei es durch beispielsweise GPS-Daten oder durch den permanenten Kommunikationsfluss über die sozialen Medien mit der Schnittstelle Smartphone. Die GPS-Daten werden beispielsweise anonym ausgewertet, um Verkehrsflussanalysen durch das Radio oder das Internet an die Nutzer weiterzugeben.

Interaktion zwischen Mitgliedern der Gesellschaft wird also durch die Errungenschaften der Technik gleichsam beschleunigt und pluralisiert. Zwar war Interaktion – Kommunikation und Vernetzung – schon immer die Grundvoraussetzung für Gesellschaft, jedoch erhält diese durch den technischen Fortschritt eine neue Qualität. Mensch-sein im 21. Jahrhundert heißt „permanente Kommunikation“ – ob man will oder nicht.

2. Inhalte und Informationen

Der durch die Vernetzung bedingte Kommunikationsfluss hat darüber hinaus zu einer Veränderung der Denkprozesse geführt. Die Art und Weise, wie die Welt heute insbesondere von den Generationen y und z – den Digital Natives – wahrgenommen wird, unterscheidet sich fundamental vom Zeitalter vor dem Web 2.0. Nutzergenerierte Inhalte sind in einer so großen Fülle im Netz vorhanden, dass diese nur fragmentarisch vom Individuum rezipiert werden können. Man denke dabei nur den konstanten Fluss an Tweets auf Twitter, Statusmitteilungen auf Facebook, welche man nur in Zeitfenstern durchstöbert und liest, oder an das schier unglaubliche Angebot an Informationen zu allen erdenklichen Themen im gesamten Web.

Die Auswahl der rezipierten Inhalte – seien es youtube-Videos, Blog-Artikel, Wikis oder traditionelle Webseiten und Portale – liegt dabei beim Nutzer selbst und somit entfaltet jedes Individuum seine einzigartige Enzyklopädie (im Sinne Umberto Ecos). Dem Einzelnen ist eine unüberschaubare Masse an Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten gegeben. Dadurch verändert sich die Art und Weise, wie der Mensch diese einordnet und für sich nutzt. Es hat sich folglich die Qualität und Essenz der intersubjektiven Beziehungen, der Denk- und nicht zuletzt der Lernprozesse fundamental gewandelt!

Die Konsequenz

Man kann also von einer Pluralisierung und einer Fragmentarisierung der Wirklichkeit(en) bei gleichzeitigem Wissen vom globalen Zusammenhang des Weltgeschehens sprechen. Die Welt stellt sich für das Individuum im 21. Jahrhundert grundlegend anders dar, als dies in den Jahrtausenden zuvor der Fall war.

Es ist heutzutage kaum noch das Wissen selbst wichtig, sondern es ist wichtig zu wissen, wie man an Wissen gelangt! D.h., wie man relevante Inhalte im Netz auffindet, diese bewertet und einordnet und zu neuem Wissen und daraus resultierenden Verhaltensänderungen anwendet!

Denk-, Lern- und Wahrnehmungsprozesse erfahren also einen grundlegenden Wandel, welcher nicht zuletzt persönliche Bildung an sich und den Weiterbildungssektor im Ganzen nachhaltig verändern wird.

Vor diesem Hintergrund ist der Begriff Social Learning neu zu bewerten. Zwar wird dieser schon seit den 1980er Jahren in der Wissenschaft diskutiert, doch die Bedeutung sozialer Lernprozesse hat sich durch die zunehmende Vernetzung und den technischen Fortschritt vervielfacht!

Felix Senner

Im zweiten Teil der Artikelserie werden verschiedene Ansätze zur Betrachtung und Einordnung von Social Learning erläutert und die Funktionsweise skizziert. Erfahren Sie was Social Learning ist und wie Unternehmen Social Learning nutzen und begünstigen können.

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Quellenhinweis:

Ref.: Luhmann, Niklas. “Gesellschaft.” Lexikon zur Soziologie. Ed. Werner Fuchs-Heinritz et. al. Wiesbaden: VS Verlag, 2007. 234.


[1] Das Wort „Wandel“ ist hier sehr wichtig. Der Autor beschreibt in diesem Artikel einen Prozess, der sich durch die fortschreitende Integration des Web 2.0 und anderer Datenkommunikationen in der Gesellschaft vollzieht. Es ist deshalb nicht die Beschreibung eines statischen Zustandes die Absicht dieses Artikels, sondern es ist das Ziel eine Analyse des dynamischen Veränderungsprozesses zu versuchen.

Felix Senner

Author: Felix Senner

ist Design Thinking Lead Coach und Mitglied der Geschäftsleitung bei Coaching Concepts.

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